Emotionalität – oder wenn man Heulsuse genannt wird

Der Film ist zu Ende und ich schniefe in das nächste Taschentuch. Um mich herum bildet sich ein Kreis aus vielen weißen, zerknüllten Tüchern. Ich nehme sie alle, noch immer am weinen, und werfe sie in den Mülleimer unter meinem Schminktisch. Nun sitze ich wieder auf dem Bett, denke an den Film und mir rollt die nächste Träne über die Wange.

Die Menschen schreien, sie weinen und sie halten Plakate hoch. Sie alle werden immer lauter, heben ihre Fäuste und verteufeln die Menschen, die nicht ihrer Meinung sind. Sie rufen Dinge wie „Du schwule Sau“. Auf der anderen Seite der Stadt rufen sie „Raus aus unserem Land“. Und ich schalte den Fernseher aus. Ich schließe die Augen und denke nach. Ich denke an all den Hass auf dieser Welt.

Ein besonderer Tag steht ins Haus. Ein besonders trauriger Tag. Meine Kehle schnürt sich zu und ich bekomme kaum Luft. Langsam setze ich mich auf, die Hand an meinen Hals gelegt. Ich schlucke die Tränen runter, stehe auf und lebe meinen Tag.

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Dinge, die ich immer wieder höre

„Ach Becca, du bist ständig am weinen, was ist denn los?“

„Du bist so eine richtige Heulsuse, das ist doch kein Grund zu weinen.“

„So emotional wie du bist, möchte ich nicht sein. Das wäre mir viel zu anstrengend“.

Ich lache viel, bin glücklich, sauer oder auch mal hyperaktiv. Wir machen Späße, genießen die schönen Tage. Wir können ausschlafen, stehen auf und unternehmen tolle Dinge, bis die Sonne spät Abends untergeht und wir ewig bis in die Nacht zusammensitzen.

Doch, warum ist es in Ordnung glücklich, aber nicht traurig zu sein? Emotionalität bedeutet nicht nur gut drauf zu sein oder sich für andere zu freuen. Zu der Emotionalität gehört Mitgefühl, Trauer und Schmerz.

All die traurigen Dinge in der Welt, im Privatleben oder in Filmen und Büchern gehen nicht spurlos an mir vorbei. Ich bewundere Menschen, die ihre Emotionen unterdrücken können. Zumindest habe ich es sehr lange getan. Doch mir kam die Erkenntnis, dass ich mich für meine Emotionen nicht schämen muss. Sie gehören zu mir. Und wenn ich bei jedem Lied von Harry Styles weinen muss, wenn ich bei traurigen Neuigkeiten in den Nachrichten weinen muss oder wenn ich einfach nur über das traurig sein nachdenke und dann weinen muss, dann ist das so.

Ich bin so und ich bin stolz darauf. Ich liebe es mit zu fühlen. Ich bin gerne für andere Menschen da. Und manchmal suhle ich mich auch gerne in meiner eigenen Traurigkeit.

Ich bin emotional und keine Heulsuse.

13 Kommentare zu „Emotionalität – oder wenn man Heulsuse genannt wird

  1. Hey Becca ein schöner ehrlicher Beitrag. Ich bin auch ein recht emotionaler Mensch und finde es auch vollkommen okay einfach mal zu weinen. Es tut gut es raus zu lassen. Und für andere verstellen? – Nein, danke :)
    Hab einen schönen sonnigen Tag, Stella

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    1. Hallo liebe Stella,
      vielen lieben Dank! Der Beitrag bedeutet mir eine Menge und ich freue mich immer, wenn andere ähnlich fühlen wie ich. Mir kommen so oft die Tränen, vor allem in Situationen in denen es nicht besonders angebracht ist, allerdings kann ich da ja nichts für :D

      Genieß diesen tollen Tag, Becca

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  2. Liebe Becca,

    ich bin grad auf der Suche nach den Leselaunenbeiträgen, die ich einbinden kann über diesen hier gestolpert und ich kann dir da voll zustimmen. Zwar kann ich es nicht nachvollziehen, weil ich einer der Menschen bin, die zumindest bei Büchern selten etwas berührt, aber ich heule auch bei manchen Nachrichten und Filmen, von daher.
    Ich finde es gut, dass du dazu stehst. Und du hast absolut recht. Emotionalität ist keine Schwäche, auch wenn manch einer sagt „Arschbacken zusammen kneifen und weiter machen“ – nein! Manchmal muss man sich den Moment halt einfach nehmen.

    Liebe Grüße
    Micky

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    1. Hallöchen Michèle,
      schön, dass du über meinen Beitrag gestolpert bist. Ich finde es auch gar nicht schlimm, dass andere so empfingen. Nur oft hatte ich das Gefühl, komisch zu sein. Zum Glück ist es nun anders.
      In manchen Situationen wäre ich natürlich gerne mal stärker, aber es ist einfach schwierig :)
      Liebe Grüße, Becca

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  3. Liebe Becca,

    schöne Zeilen und wahre Worte. Ich kann mich da nur anschließen. Emotionen sollen nicht unterdrückt werden, sie sind ein Teil von uns. ❤ Mir ist es mittlerweile egal, wenn ander blöd gucken. Wenn ich weinen muss, weil mich das Musical von König der Löwen so begeistert, dann kann mir zumindest niemand vorwerfen, das ich meine Begeisterung nur vortäusche.

    Liebste Grüße
    Ella ❤

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    1. Liebe Ella,
      irgendwie habe ich deinen Kommentar total übersehen :o Tut mir leid!
      Ich freue mich, dass du es nachvollziehen kannst. Emotionen sind so wertvoll und ich finde es schwierig Dinge die man fühlt, zu unterdrücken. Irgendwie ist das doch nicht Sinn der Sache. Ich liebe es bei schönen oder traurigen Sachen zu weinen und kann es auch nicht lassen.

      Liebe Grüße, Becca <3

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  4. Liebe Becca,

    Ich erkenne mich richtig wieder bei diesem Beitrag. Ich Weine auch sehe oft. Ich bin hochsensibel und daher auch sehr anfällig für die Stimmungen anderer Leute. Und ich lebe meine Emotionen auch offen aus. Mein ganzes Leben muss ich mir folgenden Satz besonders oft anhören: Warum heulst du jetzt schon wieder?
    Weil ich MUSS. Wenn ich es nicht tue, platze ich wegen den Emotionen. Ich weine, wenn mir etwas zu viel wird. Ich weine, wenn ich unglaublich sauer bin. Ich weine, wenn mich etwas traurig macht. Ich weine, wenn mich etwas tief berührt. Ich weine auch mal vor Freude. Oder vor Stolz und Liebe. Aber wieso sollte das schlecht sein? Wieso muss jeder seine Emotionen verbergen?
    DAS bin nun mal ich. Und ich bin gut so, wie ich bin. Und du genauso.

    Schäme dich nicht dafür. ❤ Denn das macht dich aus. Und danke für diesen schönen Beitrag!

    Liebe Grüße
    Denise

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